Mittwoch,
13.04.2022
Legasthenie und Dyskalkulie

Legasthenie und Dyskalkulie

Erfolgreich in Schule und Beruf trotz Handicap

Wurden Jugendliche mit Legasthenie oder Dyskalkulie noch vor einigen Jahren bei der Vergabe von Ausbildungsstellen „aussortiert“, so haben sie heute gute Chancen auf dem Ausbildungsmarkt. Warum das so ist, wo sie Unterstützung erhalten und wie viele junge Menschen eigentlich betroffen sind, erklärt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. im Interview.

 

Wie viele Jugendliche sind betroffen?
Wenn man Legasthenie und Dyskalkulie zusammenfasst, sind etwa zehn Prozent aller Jugendlichen dadurch beeinträchtigt. Und dabei gehen wir von Rechen- bzw. Lese-Rechtschreibstörungen aus, die aufgrund genetischer Veränderungen auftreten und unabhängig sind von äußeren Rahmenbedingungen.

 

Steigt die Zahl der Betroffenen?
Über die Jahre ist eigentlich keine Veränderung festzustellen, wobei in den letzten beiden Jahren mehr Eltern bei Jugendpsychiatern den Verdacht geäußert haben, dass ihr Kind an Legasthenie oder Dyskalkulie leiden könnte.

 

Hat Corona also zu einer Zunahme geführt?
Nein. Wie gesagt, die Ursachen für beide Störungen sind unabhängig von äußeren Rahmenbedingungen, wozu ja auch Homeschooling gehört. Aber das Homeschooling hat in vielen Fällen zu Lernlücken geführt. Die müssen und können, wenn der regelmäßige Schulbetrieb wieder aufrechterhalten werden kann, an der Schule geschlossen werden. Kinder bzw. Jugendliche mit Legasthenie und Dyskalkulie brauchen dagegen individuelle Fördermöglichkeiten. Wenn diese wie zu Pandemiezeiten aber wegfallen, nehmen sie die Problematik mit ins Erwachsenenleben.

 

Welche Probleme sind typisch?
Das lässt sich nicht mit einigen wenigen Schlagworten beschreiben, aber in der Regel fällt Dyskalkulie bereits in der Vorschule auf. Denn ganz viele Kinderspiele basieren auf einem Mengenverständnis. Spätestens in der Grundschule wird es dann deutlich, wenn Kindern das Vorstellungsvermögen von Mengen und Zahlen fehlt. Da können dann individuelle Förderung und Hilfsmittel wie Taschenrechner helfen.

 

Und wie ist das bei Legasthenie?
Diese macht sich zum Beispiel beim Vorlesen bemerkbar: Worte werden stockend, Buchstabe für Buchstabe oder Silbe für Silbe vorgetragen, der Inhalt kann vor lauter Konzentration kaum erfasst oder erinnert werden. Der Wortspeicher ist beeinträchtigt, so dass jedes Wort immer wieder neu erschlossen werden muss. Typisch ist, dass es keine typischen Rechtschreibfehler gibt, sondern Worte immer wieder anders falsch geschrieben werden.

 

Was kann da helfen?
Beim Lesen hilft große Schrift, ein weiterer Zeilenabstand, damit man sich nicht in den Zeilen verliert, lautes Lesen, um übers Hören das Gedächtnis zusätzlich zu aktivieren. Es gibt noch ganz viele weitere Hilfestellungen wie den Nachteilsausgleich oder den Notenschutz. Voraussetzung ist allerdings die eindeutige Diagnose.

 

Wer erstellt die Diagnose?
Der Kinder- und Jugendpsychiater. Da die Krankenkassen die Diagnostik nur bis zum 18. Lebensjahr bezahlen, ist es sinnvoll, vor dem Ende der Schulzeit Problemstellungen abzuklären.

 

Ist Legasthenie bzw. Dyskalkulie ein K.-o.-Kriterium bei der Bewerbung?
Das Schwierigste ist tatsächlich die Schulzeit. Und da kann der Nachteilsausgleich helfen. Ein Hinweis darauf darauf darf im Zeugnis nicht vorkommen, so dass bei der Bewerbung kein Nachteil besteht.

 

Und wie ist es dann bei der Ausbildung?
Ob Dyskalkulie oder Legasthenie in der Lehrzeit hinderlich ist, hängt natürlich von der Berufswahl ab. Prinzipiell schränken sie ja fachliche Kompetenz in keinster Weise ein. Wenn die Aufgabe zu dem jungen Menschen passt, kann er sich super entfalten. Und falls Probleme auftauchen sollten, gibt es viel Unterstützung – von den Kollegen bis hin zur Berufsschule.

 

Probleme ansprechen oder verschweigen?

Unbedingt offen damit umgehen. Denn je offener darüber gesprochen wird, desto weniger angreifbar ist man und desto mehr Hilfe bekommt man im Team.

 


 

Dyskalkulie
Etwa drei bis acht Prozent der Kinder im Schulalter sind von einer Rechenstörung betroffen. Mädchen leiden gleich häufig oder etwas häufiger daran als Jungen. Bisher ist nicht genau bekannt, wie eine Rechenstörung entsteht. Es wird angenommen, dass mehrere Faktoren bei zusammenwirken. Dabei spielen wahrscheinlich genetische Faktoren eine wichtige Rolle. Wird keine gezielte Therapie durchführt, bleibt die Rechenstörung meist bis ins Erwachsenenalter bestehen. Die Probleme beim Rechnen können dann zu deutlichen Beeinträchtigungen in der Schule, im Berufsleben und im übrigen Alltag führen.

 

Nachteilsausgleich in der Schule
Wurde die Diagnose einer Rechenstörung gestellt, können die Eltern in einigen Bundesländern einen Nachteilsausgleich beantragen. Es wird individuell geprüft, welche Unterstützung hilfreich ist, wie z.B. ein Zeitzuschlag, Hilfsmittel wie Taschenrechner oder individuelle Formelsammlungen.


Legasthenie
Von einer Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) sind etwa vier bis sieben Prozent der Kinder im Grundschulalter betroffen. Es ist also eine relativ häufige Störung. Jungen leiden drei- bis viermal häufiger an einer LRS als Mädchen. Experten gehen davon aus, dass der LRS eine Störung der sprachlichen und visuellen Informationsverarbeitung im Gehirn zugrunde liegt und bei der Entstehung mehrere Faktoren zusammenwirken. Dabei scheinen genetische Faktoren eine wichtige Rolle zu spielen.

 

Nachteilsausgleich in der Schule
Die Eltern können einen Nachteilsausgleich beantragen, der die individuelle Beeinträchtigung bestmöglich ausgleichen soll, z.B. Zeitzuschlag bei verlangsamtem Lesen oder technische Hilfsmittel wie Laptop mit Rechtschreibkorrektur. In einigen Fällen wird auch ein Notenschutz auf Rechtschreibleistungen gewährt.

 

Foto: shutterstock.com, lightpoet

 

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